Apfelblüte

Die Obstbaumveredelung ist die traditionelle Form der vegetativen Vermehrung dieser verholzenden Pflanzen. Sie gewinnt aber auch zunehmend an Bedeutung bei der Umveredelung von Obstsorten, die dem Gartenfreund nicht mehr zusagen. Im Grunde wird dabei ein Pflanzenteil, der Edelreis oder das Edelauge, auf ein anderes, die Unterlage, transplantiert, wodurch eine neue Pflanze mit den gewünschten Eigenschaften entsteht. Wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Obstbaumveredelung ist, dass die Pflanzenpartner in einem gewissen verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander stehen. Ansonsten hat der Hobbygärtner einen recht großen Freiraum, wenn er Obstbäume veredeln möchte und kann auch das eine oder andere Experiment durchführen. Im Folgenden werden die bedeutendsten Verfahren für die Obstbaumveredelung erläutert.

Was sind ein Edelreis und ein Edelauge?

Bei einem Edelreis geht es um einen mehrere Zentimeter langen einjährigen Trieb einer Edelsorte, den man mit einer Unterlage verbindet, bzw. dort aufpfropft. Idealerweise handelt es sich um einen kräftigen, mindestens bleistiftdicken Trieb mit mehreren Augen, der stets viel Licht abbekommen hat und vollkommen gesund ist. Die Unterlage entstammt dem Wurzelstock einer minderwertigeren Obstsorte, die mithilfe der Veredelung aufgewertet wird. Bei einem Edelauge ist die Rede von der Knospe einer hochwertigen Obstsorte, die mit einer Wildunterlage zusammengefügt wird. Abhängig von der gewählten Form der Obstbaumveredelung, ist entweder ein Edelreis oder ein Edelauge erforderlich. Je enger die botanische Verwandtschaft zwischen Unterlage und Edelreis bzw. Edelauge, desto größer sind die Erfolgsaussichten für die Veredelung.

Anleitung für die Okulation

Eine der häufigsten Methoden der Obstbaumveredelung ist die Okulation. Die beste Zeit für diese Arbeit ist der Sommer während der Monate Juli bis August, spätestens aber im September. Folgende Materialien werden benötigt:

  • Apfelbaum schneiden FeuerbrandBaumsäge für die Unterlage
  • Abziehstein zum Schärfen
  • Streichriemen zum Nachschärfen
  • Hippe zum Abschneiden des Astes
  • Okuliermesser für den T-Schnitt
  • Bast zum Verbinden
  • kaltflüssiges Baumwachs

Das Edelreis wird frisch geschnitten, und zwar aus dem Kronenbereich der Edelsorte. Triebe mit Blütenknospen sind nicht geeignet. Der Trieb wird von oben und unten soweit gekürzt, dass noch 3 bis 4 schlafende Augen darauf verbleiben. Erfahrene Gartenfreunde schneiden den Edelreis bei Bedarf bereits im Januar, wenn die Temperatur nicht kälter als -4° Celsius ist und bewahren ihn bis zu seinem Einsatz in feuchtem Sand an einem schattigen Ort auf. Reiser von jungen Obstbäumen, die ihre Qualität noch nicht unter Beweis stellten, sollten Sie nicht verwenden. Eher lohnt sich der Aufwand, einen älteren Obstbaum im Vorjahr zunächst kräftig zurück zu schneiden, woraufhin er neue Triebe bildet. Diese werden im folgenden Jahr als Edelreis verwendet mit der Gewissheit, dass die genetischen Merkmale stimmen. Wurde das Edelreis kurz vor der Okulation im Sommer geschnitten, werden sämtliche Blätter bis auf die Blattstiele entfernt. Dann erfolgt die Veredelung:

  • Alle Nebentriebe der Unterlage abschneiden.
  • Etwa 10 cm über dem Boden einen T-Schnitt in der Rinde ausführen.
  • Hierzu ein möglichst glattes Rindenstück der Unterlage wählen.
  • Die Rinde mit dem Messerrücken lösen und auseinander klappen.
  • Aus der Mitte des Edelreises ein geeignetes Auge schneiden.
  • Schnittführung des Messers von unten nach oben ca. 3 cm lang.
  • Möglichst keinen Holzspan mit abschneiden.
  • Kleiner Holzspan am Auge ist kein Problem.
  • Größeren Holzspan vorsichtig abschneiden.
  • Das Edelauge mit dem Okuliermesser unter die aufgeklappte Rinde schieben.
  • Oberhalb des Edelauges das Rindenstück bündig mit dem T-Stück abschneiden.
  • Das Veredelungsstück mit Bast verbinden und das Edelauge dabei freilassen.
  • Den gesamten Bereich – bis auf das Edelauge – mit Baumwachs versiegeln.
  • Schnittstellen auf keinen Fall mit der bloßen Hand berühren.
  • Messer zwischendurch immer wieder schärfen.

Apfel - MalusUm die Chancen auf eine erfolgreiche Obstbaumveredelung zu erhöhen, sollte dieser Vorgang mit einem zweiten Edelauge wiederholt werden. Diese Arbeit wird vorzugsweise an einem trüben Tag ausgeführt, damit das Edelauge durch direkte Sonneneinstrahlung nicht vorzeitig verwelkt. Nach zwei bis drei Wochen fällt der Blattstielstumpf vom Edelauge ab, als Zeichen, dass die Veredelung gelungen ist. Dann wird das Bastband abgeschnitten, weil es nicht mehr benötigt wird. Sollten beide Edelaugen angewachsen sein, wird einer der beiden Neuaustriebe im darauffolgenden Jahr herausgeschnitten. Wenn sich aus dem Edelauge ein kräftiger, junger Zweig gebildet hat, wird die Unterlage knapp darüber abgesägt und mit Baumwachs bestrichen.

Chip-Buding-Methode

Ambitionierte Hobbygärtner, die sich aufgrund fehlender Erfahrung an die T-Schnitt-Okulation noch nicht heranwagen, entdecken in der Chip-Buding-Methode eine vereinfachte Weiterentwicklung. Übersetzt bedeutet der Begriff ‚Holzspan-Veredelung‘ und wird umgangssprachlich auch als ‚Augenanplatten‘ bezeichnet. Insbesondere bei der Vermehrung von Apfelbäumen hat sich diese Praxis bewährt und erfreut sich großer Beliebtheit, weil sie so einfach auszuführen ist und Unterlage sowie Edelreis unterschiedlich groß sein können:

  • An der Unterlage in 10 cm Höhe einen 2-3 mm nach unten gerichteten Schnitt ausführen.
  • Ein zweiter Schnitt setzt 3 cm darüber an, in Richtung des ersten kurzen Schnitts.
  • Es entsteht eine Einkerbung in Form eines umgekehrten U.
  • Das Edelreis wird frisch geschnitten und entblättert bis auf die Blattstiele.
  • 15 mm unter dem Edelauge wird eine Einkerbung vorgenommen.
  • 15 mm über dem Edelauge das Messer ansetzen und abschneiden.
  • Edelauge und Öffnung der Unterlage sind jetzt deckungsgleich.
  • Unterlage und Auge werden zusammengepresst und verbunden.

Pflaumenbaum ObstbaumveredelungFür die Verbindung eignet sich PE-Folie besonders gut, weil diese auch über dem Auge angebracht wird. Auf diese Weise entsteht darunter Kondenswasser, das ein Austrocknen verhindert. Nach 2 bis 3 Wochen wird die Folie mit einem Schnitt entfernt. Wird die Chip-Buding-Technik im Winter angewandt, ist es erforderlich, dass die Wundstelle mit Baumwachs versiegelt wird. Im Sommer erübrigt sich dieser Aufwand.

Obstbaumveredelung durch Kopulation

Diese Technik für die Veredelung von Obstbäumen wird während der Saftruhe im Spätwinter ausgeführt. Sie bietet sich nur dann an, wenn Unterlage und Edelreis gleich dick sind. Für diese Arbeit wird ein Kopuliermesser benötigt, das über eine längere Klinge verfügt, als das Okuliermesser. Im Fachhandel werden mittlerweile Multi-Messer für alle Veredelungstechniken angeboten. Entscheidend ist, dass die Klinge wirklich rasiermesserscharf ist und regelmäßig nachgeschliffen wird. Die Kopulation verläuft wie folgt:

  • Edelreis wird frisch aus der Baumkrone geschnitten.
  • Alle Blätter werden bis auf die Stiele entfernt.
  • Unterlage und Reis sind mindestens fingerdick.
  • An der Unterlage wird ziehend ein 4-6 cm langer Schnitt ausgeführt.
  • Entsprechend wird am Edelreis verfahren.
  • Unterlagen und Edelreis verfügen beide gegenüber der Schnittstelle über ein Auge.
  • Rinde auf Rinde wird mit Bast oder PE-Folie verbunden.
  • Nach durchschnittlich 3 Wochen fällt der vertrocknete Blattstiel ab.
  • Das Verbindungsband kann entfernt werden.

ObstbaumveredelungSollten nach einer erfolgreichen Kopulation an der Unterlage noch Seitentriebe oder Blätter erscheinen, werden diese sogleich entfernt. Wenn der Blattstiel nicht abfällt, ist dies das Zeichen dafür, dass die Veredelung des Obstbaumes nicht gelungen ist und wiederholt werden muss.

Rindenpfropfen – erhöhte Erfolgschancen

Bei dieser Verfahrensweise der Obstbaumveredelung muss man die Rinde abgelösen können, was – abhängig von der Obstsorte – ab März/April möglich ist und das Zeitfenster bis August/September offen lässt:

  • Die Unterlage, der Pfropfkopf wird glatt glattgeschnitten.
  • In Veredelungshöhe erfolgt ein senkrechter Längsschnitt in die Rinde.
  • Am Edelreis wird ein ziehender, 4 cm langer Kopulationsschnitt ausgeführt.
  • Das abgeschrägte Ende zwischen die Rindenlappen schieben.
  • Das erste Auge des Edelreises muss zwischen die Rindenlappen passen.
  • Vom Edelreis stehen noch 3 mm über den Pfropfkopf hinaus.
  • Die Veredelungsstelle wird um Bastband umwickelt.
  • Das Edelauge bleibt frei.
  • Pfropfkopf und Schnittstellen am Edelreis werden mit Baumwachs versorgt.

Bei Pfropfköpfen mit 3 cm Durchmesser genügt ein Edelreis. Erstreckt sich der Durchmesser bis 5 cm, werden 2 Reiser eingesetzt, bei 6-8 cm Querschnitt bis zu 4 Reisern. Auf diese Weise werden die Erfolgschancen deutlich erhöht. Den richtigen Zeitpunkt für die Entfernung des Bindematerials zu treffen, erfordert indes etwas Fingerspitzengefühl. Verbleibt das Bastband zu lange an der Veredelungsstelle, wird das anwachsende Auge in seinem Wachstumsprozess behindert. Wird das Band zu früh entfernt, bricht der Edelreis eventuell ab und die ganze Prozedur muss schließlich wiederholt werden. Spätestens dann, wenn sich die Rinde unter dem Bindematerial sichtbar wölbt, ist es an der Zeit, zum Messer zu greifen.

KirscheIm darauf folgenden Herbst und Winter steht die Entscheidung an, welcher Trieb das Zeug zum Leitast hat. Die anderen Triebe müssen sich ihm unterordnen und werden gekürzt. Flache Seitentriebe können unberührt verbleiben. Der Haupttrieb wird um ein Viertel gekürzt. Sollte er schwächer sein, kann der Schnitt auch ein längeres Stück entfernen. Konkurrenztriebe werden restlos abgeschnitten.

Tittelpfropfen für experimentierfreudige Hobbygärtner

Bei dieser Methode können sie bis zu drei Edelreiser verschiedener Obstsorten auf einer Unterlage aufpfropfen. Der Gartenfreund kann sich dann vom Ergebnis überraschen lassen:

  • Unterlage glatt absägen, bis zur gewünschten Höhe
  • An bis zu drei Stellen die Rinde parallel eingeschneiden
    • 3 mm bis 4 mm breit und 30 mm lang
  • Das zungenartige Rindenstück verbleibt an der Unterlage.
  • An den Edelreisern in der gleichen Länge Kopulationsschnitte ausführen
  • Gegenüber der Schnittfläche muss sich ein Auge befinden.
  • Unterhalb dieses Auges erfolgt ein weiterer, 10 mm langer Schnitt.
  • Reiser zwischen die jeweiligen Rindenstücke schieben
  • Rindenlappen der Unterlage kürzen, damit die Reiser 3 mm überstehen.
  • kleine, freistehende Reiserfläche begünstigt das Anwachsen an der Unterlage
  • Verbinden und versiegeln erfolgt ebenso, wie bei den anderen Veredelungstechniken.

Die Technik des Tittelpfropfens wendet man häufig an, wenn ein Obstbaum nicht fruchten kann, weil passende Bäume in der Nähe fehlen. In diesem Fall wird lediglich ein mitteldicker Ast des Obstbaumes gekürzt und als Unterlage genutzt. Abhängig vom Durchmesser dieses Astes, genügt bereits ein Edelreis, um die Befruchtung auszulösen.

Bedeutung der Unterlage nicht unterschätzen

Hobbygärtner neigen dazu, dem Edelreis eine höhere Bedeutung zuzumessen, als der Unterlagen. Diese hat allerdings einen bedeutenden Einfluss auf das Veredelungsergebnis, nicht nur bei Obstbäumen:

  • ObstbaumveredelungDas gesamte vegetative Wachstum.
  • Ertrag, Fruchtqualität, Erntebeginn und -ende.
  • Standfestigkeit und Lebensdauer.

Wer sich für schwachwachsende Unterlagen entscheidet, erhält kleinere Obstgehölze, die reich tragen und außerdem leichter zu beernten sind. Vorteile, die einen Hobbygärtner sicherlich überzeugen werden. Sie stellen allerdings höhere Ansprüche an die Standortqualität und die Pflege. Ebenso sollte die Veredelungshöhe beachtet werden. Je höher sie angesetzt wird, desto schwachwüchsiger ist das Ergebnis. Bei Äpfeln sollte die Veredelungshöhe bei ca. 15 cm bis 20 cm liegen, bei Birnen zwischen 10 cm und 20 cm. Eine Ausnahme bilden Süßkirschen, weil hier das Edelreis in Kronennähe aufgepfropft wird.

Fazit
Da man Obstbäume nicht durch Samen und nur sehr schwer und langwierig mithilfe von Stecklingen vermehren kann, bieten sich verschiedene Methoden der Veredelung an. Unterlage, Edelreis und Ziel der Veredelung bestimmen im Wesentlichen die Wahl der Technik, die zur Anwendung kommt. Eine wichtige Voraussetzung, dass überhaupt eine Aussicht auf Erfolg besteht, liegt darin, dass Unterlage und Edelreis wenigstens annähernd botanisch verwandt sind. Je enger die Verwandtschaft, desto besser das Ergebnis der Obstbaumveredelung.