Tomatensamen

„Tomatensamen selbst gewinnen, ernten, trocknen, beizen, fermentieren, aufbewahren etc.“ klingt schrecklich kompliziert. Ist es aber nicht, Tomatensamen „ernten“ Sie jedes Mal, wenn Sie eine Tomate für Zubereitung ohne Kerne vorbereiten, fermentieren und beizen heißt letztendlich, Tomatensamen in eine Flüssigkeit schmeißen, Tomatensamen trocknen macht die Luft und Tomatensamen aufbewahren erfordert von Ihnen gar kein Aktivität – Sie brauchen nur die richtigen Tomaten, wo Sie die herbekommen und warum sich das Ganze lohnt, erfahren Sie auch gleich:

Warum Tomatensamen selbst gewinnen?

Je mehr Gärtnern auffällt, dass bei der Zucht von Gemüsesorten für die Lebensmittelproduktion hoher Ertrag, gleichmäßige Form und Farbe und Lagerfähigkeit wichtigere Faktoren sind als guter Geschmack, desto mehr nimmt das Interesse an den Samen alter Obst- und Gemüsesorten zu. Handel und Anbau reagieren auch schon auf die „Geschmacksoffensive“ der Verbraucher, die Betriebe, die natürlich gezogene Bio-Tomaten bewährter oder wieder neu entdeckter Zuchtsorten anbauen, nehmen zu.

Aber der ökologische Anbau ist kostenintensiv, er verursacht höheren Aufwand bei der Erzeugung, der Verarbeitung und der Verteilung. Vorbeugender Pflanzenschutz ist arbeitsaufwändiger als Ausbringung chemisch-synthetischer Pestizide, der Ertrag einer geschmackvolle Früchte tragenden Tomatenpflanze ist kleiner als der der Super-Klon-Tomate. Die Anbauflächen können und werden nicht durchgehend für den Anbau von Verkaufsfrüchten genutzt, sondern durchleben Phasen der Gründüngung, für Öko-Pflanzenbau und Öko-Verarbeitung ist mehr fachspezifisches Know-how erforderlich, und die Kontrolle, ob die Qualitätsrichtlinien, Anbau- und Verarbeitungsvorschriften eingehalten werden, kostet auch noch.

Tomate mit SamenSolange wir in einem Gesellschaftssystem leben, in dem Gewinnprognosen grundsätzliche Entscheidungen eher beeinflussen als Erfordernisse des Gemeinwohls und der Umwelt; solange es Verbraucher gibt, die dieses System unterstützen und dabei verdrängen, dass sie die Umwelt- und Gesundheitskosten der Billig-Preise mit ihren Steuern selbst zahlen, werden unbelastete aromatische Lebensmittel teurer bleiben als belastete und inhaltsschwache Industrieproduktion.

Sie können sich jetzt schon auf einem erträglichen Kostenniveau mit gesunden Lebensmitteln ernähren, wenn Sie eine entspannte Mehrfach-Strategie fahren: Saisonobst und -gemüse, das auch aus Bioanbau zu erträglichen Preisen verkauft wird, im Supermarkt ab und zu ein paar Lebensmittel, bei denen die Angabe der Inhaltsstoffe einzeilig ist, plus eigener Anbau der wirklich spannenden Bereicherungen des Speisezettels, frische Kräuter und besondere Tomaten, Chilis, Kressen, im Garten oder auf dem Balkon. Ein weiteres Motiv ist, dass es einfach Spaß macht, die Vielfalt der Pflanzenwelt kennenzulernen, die im Fall der Tomate auch eine Vielfalt von Aromen bedeutet.

Eine ziemlich beeindruckende Vielfalt … die Anzahl der Tomatensorten wird irgendwo zwischen 2.500 und 20.000 geschätzt – und auch wenn die kleinere Zahl stimmen sollte, müssten Sie in 50 Gärtnerjahren jedes Jahr 50 Sorten Tomaten anbauen, bis Sie alle durchprobiert haben. Das macht dann irgendwann keinen Spaß mehr, deshalb hier ein Vorschlag, wie Sie etwas schneller an die leckersten Tomaten kommen: Nutzen Sie die Vorauswahl der Kenner und kaufen Sie eine Weile alle möglichen Edeltomaten (meist können Sie im Geschäft schon die ein oder andere kleine Tomate probieren). Diese Tomaten schmecken eigentlich alle, also lohnt es sich bei allen, Tomatensamen zu entnehmen, so können mit Genuss Ihre Lieblingstomaten entdecken.

Auch für Balkon- und Fenstergärtner lohnt sich Tomatensamen sammeln

Tomaten brauchen viel Sonne, damit sie vollaromatische Früchte tragen. Davon gibt es auf den meisten Balkons genug, außerdem liegt ein Balkon oft schön geschützt und oft in einer Stadt, also eine halbe Klimazone wärmer. Tomatengeschmack wird wässrig, wenn Tomaten zu viel Wasser abbekommen, maßvolle Wasserversorgung kann auf dem Balkon leichter fallen als im Garten, der Balkon ist ja in der Regel mit wenigen Schritten zu erreichen.

TomateAuch in der Wohnung, an einem gut gelegenen Fenster, können Tomaten genügend Sonne und Wärme bekommen, hier können Sie sich ansehen, wie prächtig die Tomatenernte vom Fensterbrett aussehen kann: www.youtube.com/watch?v=3NvOSBjP6v0.

Welche Tomate taugt als „Samenspender“?

Zur Not auch die Supermarkt-Tomate, ausprobieren tut ja nicht weh, je bio desto besser. Aber bei den Tomaten aus dem Handel kann es Ihnen immer passieren, dass Sie an eine Tomate geraten, die aus einer „produzierten Tomatenpflanze“ gewachsen ist und keine fortpflanzungsfähigen Samen entwickeln kann.

Bessere Chancen haben Sie beim Kauf alter Tomatensorten, die eigentlich nur im Öko-Landbau gezogen und frei bestäubt werden. Die gibt es bei kleinen örtlichen Lebensmittelhändlern, im Hoflanden oder auf einem Bauernmarkt.

Wenn Sie erst einmal Ihre ersten Tomatensamen eingesammelt haben, können Sie sich auch an Tauschbörsen beteiligen, die alle möglichen interessanten Tomatensorten aus aller Welt hin- und her tauschen.

Saatgut aus frischen Tomaten gewinnen

Zuerst müssen Sie aber aus diesen leckeren Tomaten Tomatensamen gewinnen, und das ist nicht einfach damit getan, dass Sie die Kerne herauspulen. Natürlich handelt es sich bei den Kernen um die Tomatensamen, natürlich können auch diese Kerne, so wie sie sind, theoretisch keimen. Praktisch liegt um die Samen eine schleimige Hülle, die Stoffe enthält, die das Keimen der Samen verhindern, bis die Hülle abgebaut ist. Man kann sich gut vorstellen, wie südamerikanische Nagetiere Tomaten naschen, die Samen während der Darmpassage von der Keimschicht befreit werden und keimfertig ausgeschieden werden … Wenn unbehandelte Tomatensamen ohne Umweg über einen Säugetierdarm in die Erde gelangen, wird die Keimhülle auch zersetzt. Dieser natürliche Gärprozess läuft bei den heruntergefallenen Tomaten dann auf dem Boden ab, Bakterien kümmern sich um die keimhemmende Schicht.

Bei uns müssen die Tomatensamen im Haus zum Keimen gebracht werden, sonst ist die Vegetationsperiode für die Tomatenpflanze nicht lang genug. In einer Anzuchtschale, möglicherweise in steriler Anzuchterde, auf jeden Fall fehlen aber die Mikroben, die die Keimhülle üblicherweise abbauen. Dafür finden alle möglichen Pilze die Atmosphäre unter der Haube auf der Anzuchterde ganz toll und die Keimhülle sehr nahrhaft, gewöhnlich wird der werdende Keimling unter einem dichten Pilzrasen erstickt, bevor die Keimhülle abgebaut ist.

Also werden die Tomatensamen vorbehandelt:

Tomatensamen ernten

Reife TomatenDie Ernte der Tomatensamen ist das kleinere Problem, bei größeren Tomaten tut es ein Teelöffel und nicht wenige Tomatenesser freuen sich, wenn sie das gelartige Fruchtfleisch einmal nicht im Salat haben.

Bei Kirschtomaten und Cocktailtomaten wird es schon ein wenig fisseliger, phantasievolle Eltern bedienen sich beim Puppenbesteck, andere nehmen eine Messerspitze zu Hilfe.

Wenn die Samen samt Glibber (Tschuldigung, Fruchtfleisch) aus der Tomate entnommen sind, können Sie sie gründlich mit Wasser abwaschen, trocknen (siehe unten „Tomatensamen aus dem Urlaub mitbringen“) und danach in die Erde stecken, meist keimt zumindest ein Teil der Samen.

Tomatensamen fermentieren

Wenn die Tomatenzucht dann irgendwann zur Leidenschaft wird (wie bei den meisten Feinschmeckern), werden die Samen immer kostbarer und sollen sicher keimen und gedeihen. Hier die Tomatensamen-Enthüllung für Profis, die die Samen kräftiger und frei von Krankheitskeimen machen soll und die Tomatenpflanzen sehr gut aufgehen lassen soll:

  • Tomaten halbieren
  • Kerne samt Gel drumherum mit Löffel oder Messer ins Glas kratzen
  • Auffüllen, bis Tomaten bedeckt sind (für die ca. 50 Samen aus einer Tomate sehr wenig Wasser)
  • Ein paar Tage (2-5) in die Sonne stellen, die Flüssigkeit beginnt nun zu gären
  • Wenn die Flüssigkeit im Glas milchig aussieht und Samen auf den Grund gesunken sind, in ein feines Sieb geben
  • Ein Teil der Keimhülle ist dünnflüssiger geworden und fließt ab
  • Der Rest wird mit mit Wasser gespült, bis die Samen sauber sind
  • Einen Untersetzer (für Auflaufformen, aus Drahtgestell) mit Küchenpapier belegen
  • Samen rauf, zum Trocknen wegstellen, zwei Wochen bis einen Monat

Tomatensamen aufbewahren

Tomatensamen müssen korrekt gelagert werden, wobei es einiges zu beachten gibt:

  • Das Saatgut muss wirklich trocken sein, wenn es verpackt wird
  • Jedes Fitzelchen von Feuchtigkeit birgt die Gefahr von verschimmeltem Saatgut in sich
  • Eine gute Zwischenlagerung ist ein Butterbrotbeutel, in dem Restfeuchtigkeit ein zwei Wochen wegtrocknen kann
  • Dann in luftdichte Lagerbehälter umpacken, die am besten auch noch Dunkelheit bieten
  • Oder ein Karton dient als Sammelbehälter/Samenlager, dann reichen einfache Gläser mit Deckel
  • Kühl lagern, wenn möglich zwischen 2 und 12 Grad, im Schuppen oder Keller
  • Falls Ihr Keller beheizt wird und es keine kühlen Nebenräume gibt, im kühlsten Raum in einer Schrankecke aufbewahren
  • In der der Karton mit den Samen niemals von der Sonne aufgewärmt wird (die Heizung sollte auch nicht dahinter liegen)
  • Beschriften, mit dem Sortennamen, falls unbekannt mit Geschmack/Herkunft/Aussehen
  • Das Jahr nicht vergessen, Tomatensamen sind bis zu fünf Jahren keimfähig

Wenn Sie Saatgut verschicken/transportieren möchten, sollte das möglichst bei ähnlicher Temperatur geschehen, wie das Saatgut gelagert wurde, der Keimling im Samen könnte auf stärkere, kurzfristige Temperaturschwankungen reagieren. Wieder schöne Theorie und nicht immer möglich, aber Sie können das Saatgut wenigstens mit einer Dämmschicht umgeben, wenn Sie es verschicken oder im heißen/kalten Auto transportieren.

Sie könnten die Samen auch „Pillieren“, Kinder machen hier meist gerne mit. Beim Pillieren wird der Samen mit einer Hülle umgeben, in der intensiven Landwirtschaft ein Überzug mit antibakteriellen Stoffen, Nährstoffen und/oder keimfördernden Hormonen. Pillieren können Sie aber auch mit Tonerde: Sie geben die Samenkörner in eine Schüssel mit getrockneter gemahlener Tonerde, schwenken sie und sprühen gleichzeitig Wasser mit einem Zerstäuber dazu. Nach und nach entsteht ein dünner Tonüberzug, die fertigen Samen-Kügelchen werden getrocknet. Später können sie auch im Freien einfach auf die Erde verstreut werden, das Saatgut ist ja vor Fressfeinden geschützt und der Ton sorgt für gute Wasseraufnahme.

Tomatensamen säenWenn Sie bereits länger unter die Tomatenzüchter gegangen sind und Ihnen plötzlich die Aufzucht der Super-Aroma-Tomate gelungen ist, von der die Samen gut und möglichst lange archiviert werden sollen, wäre Tiefkühllagerung der Weg: Saatgut so trocknen, dass auch nicht der kleinste Rest Feuchtigkeit zurückbleibt, am besten abschließend über Silikagel. Die Samenkörner sind nach der Silika-Gel-Trocknung hygroskopisch, nehmen also aus der Luft Feuchtigkeit auf, sie müssen deshalb schnell luftdicht verpackt und eingefroren werden. Perfekt wäre es, sie in metallbeschichtete Beutel (Kaffee-Beutel, ESD-Vakuumbeutel aus der Elektronik) einzuschweißen. So verpackte Samen bleiben in einem Tiefkühler bei –18 °C mindestens 10 Jahre keimfähig.

Tomatensamen aus dem Urlaub mitbringen

Es gibt viele Urlaubsländer, in denen die Tomaten traumhaft schmecken, den echten Tomatenzüchter juckt es in den Fingern, und das Hotelzimmer wird zur Tomatensamen-Trockenanstalt. Das geht, aber ein wenig tricksen sollten Sie schon, damit die kostbaren Tomatensamen nicht von einer eifrigen Reinigungskraft weggeputzt werden:

  • Karton besorgen, im Notfall Kulturbeutel (des Tomatenzüchters, nicht des protestierenden Partners) in Plastiktüte auslagern
  • Beim nächsten Essen einige Servietten mitnehmen
  • Samen mit Werkzeug oder Finger in Zahnputzglas befördern
  • Lauwarmes Wasser darauf, so viel Fruchtfleisch wie möglich abspülen (mit Zahnbürstenstiel umrühren)
  • Nylonstrumpf über das Glas stülpen, so viel Wasser wie möglich abtropfen lassen
  • Samen auf einem Handtuch ausstreuen und vortrocknen lassen
  • Auf Servietten im Karton/Kulturbeutel geben, in der Sonne trocknen

Diese Tomatensamen bleiben sehr lange haltbar und würden zum Keimen länger brauchen als die fermentierten Samen, die keimhemmende Schicht ist ja noch nicht abgebaut. Es sei denn, Sie beizen die Tomatensamen vor der Aussaat:

Tomatensamen beizen

Beizen heißt für den Gärtner Einlegen von Samen in eine Flüssigkeit, um die Keimung zu fördern und gleichzeitig Bakterien/Pilze zu vernichten. Es gibt Geheimrezepte wie Schachtelhalm- oder Baldrianextrakte, Salzwasser, Alkohol und käufliche Beizmittel (eher auf glatte Samen zugeschnitten), für Tomatensamen eignen sich folgende Beizen:

  • Kamillentee kochen und abkühlen, Samen hineinlegen
  • Knoblauchsaft auspressen, verdünnen und Samen einlegen
  • In beiden Beizen bleiben die Samen für etwa 5 Stunden
  • Beide Beizen sollen während der Keimung Schimmelbildung unterdrücken

Fazit

Tomatenanbau lohnt sich für alle Menschen mit Sinn für aromatische Lebensmittel. Tomatensamen selbst gewinnen lohnt sich auch, so kommt man zu den Tomatensamen, die Tomaten mit Geschmack hervorbringen. Die so kompliziert klingende Vorbereitung der Tomatensamen ist bei näherer Betrachtung kein Hexenwerk, sondern besteht aus einer Abfolge recht simpler Arbeitsschritte, bei denen der Tomatenbauer nur wissen muss, was er wann warum tut – der Weg zum Anbau aromatischer Tomaten ist kürzer, als viele Menschen vermuten.